Agil arbeiten: Selbstorganisation als Schlüsselkompetenz im Sprint
In Tech-Teams, die mit agilen Methoden wie Scrum oder Kanban arbeiten, rückt Selbstorganisation stärker in den Mittelpunkt. Immer häufiger steuern die Teammitglieder selbstständig ihre Arbeitsabläufe, setzen Prioritäten und bestimmen, wie sie die gesetzten Ziele erreichen. Die Herausforderung im schnelllebigen Alltag eines zweiwöchigen Sprints liegt darin, die Balance zwischen Flexibilität und Struktur zu finden, um Überforderung und Prioritätenverschiebungen zu vermeiden.
Gerade in der IT, wo sich Technologien und Anforderungen mit hoher Geschwindigkeit entwickeln, profitieren sowohl Teams als auch Einzelne von der Fähigkeit, eigene Arbeitsprozesse aktiv zu steuern und Prioritäten treffsicher zu setzen. Wer im Sprint zielgerichtet arbeitet und den Überblick behält, erzielt nachhaltige Ergebnisse und trägt zu einer höheren Zufriedenheit im Arbeitsumfeld bei.
Was bedeutet Selbstorganisation im IT-Kontext?
Selbstorganisation umfasst in IT-Teams die Planung und Verteilung von Aufgaben, das Setzen von Prioritäten sowie das eigenverantwortliche Treffen von Entscheidungen. Besonders in agilen Entwicklungsphasen bestimmt das Team, wie und in welcher Reihenfolge Aufgaben umgesetzt werden, nachdem der Product Owner die fachlichen Anforderungen definiert hat.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Entwicklungsteam startet in einen neuen Sprint. Beim Sprint Planning werden die Stories im Backlog gesichtet und eingeschätzt. Die klassische Führungsrolle tritt dabei in den Hintergrund. Jedes Teammitglied bringt Vorschläge ein – etwa dazu, welche Aufgaben besonderen Fokus erhalten oder wer welche Story übernimmt. Im weiteren Verlauf sind Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gefragt, etwa wenn ein kurzfristiger Bug behoben werden muss, ohne den Gesamtplan aus den Augen zu verlieren.
Klare Ziele: Prioritäten und Sprint-Backlog am Start
Der Sprint profitiert maßgeblich von einer klaren Zielsetzung. Das Team sollte von Beginn an festlegen, welche Ergebnisse bis zum Sprint-Ende erreicht werden sollen. Es empfiehlt sich, das Sprint-Backlog realistisch zu planen, um eine Überlastung oder das Verzetteln an zu vielen Aufgaben zu vermeiden.
Checkliste für die Prioritätensetzung im Sprint:
- Sprintziele transparent definieren, sodass sie für alle verständlich und nachvollziehbar sind
- Eine fundierte Einschätzung des Aufwands: Nicht jede Aufgabe muss sofort erledigt werden
- Den Beitrag zum Unternehmen oder zur Wertschöpfung im Blick behalten: Was bringt konkret Nutzen?
- Regelmäßiger Abgleich im Daily, um Engpässe frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern
In der Praxis ergeben sich immer wieder Situationen, in denen das Team kurzfristig auf Veränderungen reagieren muss. Ein E-Commerce-Team kann beispielsweise zeitgleich an einer Performance-Optimierung und der Einführung eines neuen Gutscheinfeatures arbeiten. Tritt während des Sprints ein kritischer Fehler im Check-out Prozess auf, gilt es abzuwägen: Wird der Bug bevorzugt behandelt? Verschiebt sich das Feature? Die Fähigkeit, hier eigenständig und situationsgerecht zu priorisieren, bildet das Fundament agiler Selbstorganisation.
Methoden zur besseren Selbstorganisation
Effiziente Selbstorganisation entwickelt sich durch gezielten Methodeneinsatz und etablierte Routinen. Viele Teams nutzen bewährte Werkzeuge, um jederzeit Transparenz und Orientierung innerhalb des Sprints zu sichern.
Visuelles Task-Management mit Kanban
Ein Kanban-Board macht Aufgaben und ihren Fortschritt jederzeit sichtbar. Mit Spalten wie „To Do“, „In Progress“ und „Done“ lassen sich Engpässe schnell identifizieren. Um Verantwortlichkeiten zu klären, verwendet jedes Teammitglied entweder eine eigene Swimlane oder spezifische Markierungen. Auch Remote-Teams profitieren von digitalen Lösungen wie Jira, Trello oder Azure Boards.
Priorisierungstechniken: MoSCoW & Eisenhower-Matrix
Bei der MoSCoW-Methode werden Aufgaben nach ihrer Dringlichkeit in Muss-, Soll-, Kann- und Nicht-Aufgaben sortiert. Diese Herangehensweise erleichtert es, in hektischen Phasen den Fokus zu wahren.
Über die Eisenhower-Matrix erfolgt die Einordnung von Tätigkeiten in wichtige und dringende Kategorien. Aufgaben mit höchster Priorität werden direkt umgesetzt, während weniger kritisches entweder später bearbeitet oder aus dem Backlog entfernt wird.
Definition of Done & Akzeptanzkriterien
Gemeinsam definierte Akzeptanzkriterien und eine klare Definition of Done (DoD) geben Orientierung, wann eine Aufgabe tatsächlich abgeschlossen ist. Dies verhindert Unklarheiten oder doppelte Arbeit. Ein Beispiel für ein Team-Agreement: „Eine Story ist erst abgeschlossen, wenn die automatisierten Tests bestanden sind, die Dokumentation aktuell ist und das Review erfolgt.“
Kommunikation im Sprint: Probleme und Prioritäten transparent machen
Offene Kommunikation bleibt ein zentrales Element funktionierender Selbstorganisation. Dailies dienen als Diskussionsplattform für Fortschritte, Herausforderungen und mögliche Zielkonflikte. Statt reiner Statusmeldungen steht der ehrliche Austausch im Vordergrund – etwa mit der Anmerkung: „Die Datenbankperformance blockiert meine Story, sollten wir die Priorisierung anpassen?“ Hinweise wie diese sind wertvoll, um schnell reagieren zu können.
Kollektives und regelmäßiges Feedback fördert die Teamleistung und trägt dazu bei, auch bei veränderten Rahmenbedingungen wie unerwarteten Sicherheitslücken oder Terminverschiebungen angemessen zu reagieren. Ziel bleibt, möglichst flexibel und effizient auf neue Gegebenheiten einzugehen, ohne den übergeordneten Sprint-Plan regelmäßig zu gefährden.
Selbstorganisation individuell und im Team entwickeln
Ein hohes Maß an Selbstorganisation ist nicht vorausgesetzt, sondern entwickelt sich im Laufe der Zusammenarbeit – auf persönlicher wie auf Team-Ebene.
Konkrete Empfehlungen zur Förderung von Selbstorganisation:
- Strukturiertes Zeitmanagement: Methoden wie die Pomodoro-Technik oder Timeboxing helfen, die Arbeit besser zu organisieren
- Tägliche Selbstreflexion: Nach dem Daily gezielt prüfen, welche Aufgaben den jeweiligen Tagesfokus verdienen
- Frühe Kommunikation von Blockaden: Unsicherheiten oder Hindernisse rechtzeitig im Team adressieren, anstatt sie zu ignorieren
- Konstruktives Feedback fördern: Regelmäßig hinterfragen, was im Sprint gut funktioniert hat und wo Prioritäten eventuell neu gesetzt werden müssen
Für Teams empfehlen sich regelmäßige Review-Sitzungen am Ende jedes Sprints. In dieser Runde reflektiert das Team, wie effektiv die Selbstorganisation war und ob die gesetzten Prioritäten zu den gewünschten Ergebnissen geführt haben. Fragen wie „Was erleichterte den Fokus?“ oder „Welche Ablenkungen sind aufgetreten?“ helfen dabei, Verbesserungen anzustoßen.
Remote und hybride Teams: Selbstorganisation auf Distanz leben
Bei verteilt arbeitenden Teams sind die Anforderungen an Selbstorganisation noch einmal verschärft. Hier spielen digitale Workflows eine zentrale Rolle – ebenso wie ein gemeinsames Verständnis für Rollen und Verantwortlichkeiten.
Praktischer Ansatz: Jeder Story wird ein klar benannter „Owner“ zugeordnet, der für Statusaktualisierungen sorgt und den Arbeitsfortschritt transparent hält. Über digitale Check-ins und die Nutzung etablierter Kommunikationsplattformen wie Slack oder Microsoft Teams lassen sich Rückfragen und Abstimmungsbedarfe effizient lösen.
Ein mögliches Szenario: Während eines Infrastruktur-Upgrades arbeiten Teammitglieder aus mehreren Zeitzonen zusammen. Da Prioritätsentscheidungen nicht bis zum nächsten gemeinsamen Meeting warten können, empfiehlt es sich, kritische Aufgaben zunächst asynchron zu bewerten und eine finale Entscheidung im nächsten Sync-Call zu treffen.
Best Practices für nachhaltige Selbstorganisation im Sprint
Erfolgreiche Teams etablieren Selbstorganisation als kontinuierlichen Prozess. Folgende Vorgehensweisen unterstützen langfristig die Selbststeuerung im Sprint-Alltag:
- Kurze, zielgerichtete Meetings: Diskussionen zu Prioritäten haben Vorrang vor reinen Status-Updates
- Regelmäßige Retrospektiven: Gemeinsame Reflexion fördert Verbesserungen bei den Arbeitsabläufen und der Selbstorganisation
- Verantwortlichkeiten zyklisch verteilen: Zeitweise übernimmt jede:r die Rolle eines „Sprint-Coaches“, um die Einhaltung gemeinsamer Spielregeln zu sichern
- Commitments klar dokumentieren: Beispielsweise das Versprechen, laufende Blockaden am selben Tag anzugehen
Teams, die auf Überlastung und mentale Gesundheit achten, schaffen eine nachhaltige Arbeitsumgebung. Zum Selbstmanagement gehört auch die bewusste Begrenzung von Arbeitsumfang sowie das offene Gespräch über Kapazitäten und Belastung.
Fazit: Selbstorganisation im Sprint ist erlernbar
Selbstorganisation lässt sich gezielt entwickeln und verstetigen – sowohl auf individueller Ebene als auch im Teamkontext. Mit klar definierten Zielen, bewährten Methoden und einer Kultur der offenen Kommunikation gelingt es, Sprints wirkungsvoll zu strukturieren und gemeinsam fundierte Ergebnisse zu erreichen.