Wie verändert Künstliche Intelligenz unsere Medienlandschaft? SiliconStories im Gespräch mit Medienwissenschaftler Dr. Matthias Zehnder
Das Interview, das im April 2025 erschien, bewegt sich an der Schnittstelle von Technologie, Gesellschaft und Verantwortung und greift Fragen auf, die weit über die Tech-Branche hinausreichen.
Zehnder, der unter anderem als Chefredakteur der Coopzeitung und der Basellandschaftlichen Zeitung arbeitete und das Basler Online-Medium Bajour mitgründete, beschreibt eine Entwicklung, die er als strukturelle Bedrohung für das offene Internet betrachtet: KI-Systeme, die als Antwortmaschinen fungieren, entziehen den ursprünglichen Inhaltsanbietern – Verlagen, Magazinen, Fachportalen – ihre wirtschaftliche Grundlage. Die Nutzer erhalten Antworten, ohne die Quelle je zu besuchen. Zehnder spricht in diesem Zusammenhang von einer KI, die ihre eigene Grundlage zerstört.
Besonders deutlich wird Zehnder beim Thema soziale Medien und gesellschaftliche Spaltung. Auf die Frage, welche Rolle Social Media bei der Polarisierung spielt, antwortet er mit einer klaren Einordnung: Die Algorithmen sozialer Plattformen seien darauf ausgelegt, Inhalte zu verstärken, die starke Reaktionen hervorrufen. Das allein genüge, damit negative und emotionale Inhalte systematisch bevorzugt werden. In Kombination mit dem Fehlen redaktioneller Gatekeeper und der menschlichen Neigung, widersprüchliche Informationen auszublenden, entstehe ein Kreislauf, der Gesellschaften auseinandertreibe.
Dabei betont Zehnder, dass der Algorithmus nicht gezielt negative Inhalte auswähle. Der Mechanismus sei subtiler: Wer Engagement maximiert, maximiert automatisch Emotion und damit überproportional negative Emotion. Fake News, so Zehnder, verbreiteten sich in sozialen Medien bis zu siebenmal schneller als korrekte Nachrichten. Der Grund sei einfach: Richtige Nachrichten seien in der Regel schlicht langweiliger.
Als Gegenmodell zur digitalen Eskalation beschreibt Zehnder die Kraft realer Begegnung. Er verweist auf das von ihm mitgegründete Medium Bajour in Basel, das bewusst Veranstaltungen als festen Bestandteil seiner Medienarbeit etabliert hat. In einer Reihe von Dialogformaten, etwa einem sogenannten Drogenstammtisch, seien Polizei, Sozialarbeiter, Bürger und Betroffene an einen Tisch gebracht worden. Das Ergebnis: ein konstruktiver Austausch, der rein digital so nicht zustande gekommen wäre.
Für die Zukunft sieht Zehnder KI als ein leistungsfähiges Werkzeug, allerdings eines, das einen Menschen mit einem klaren Ziel voraussetzt. Die Intelligenz, so seine zentrale Botschaft, stecke nicht im Computer, sondern am Computer. Entscheidend seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diese Werkzeuge einsetzen, mit Motivation, Zielklarheit und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
„Wir haben Dr. Zehnder eingeladen, weil seine Perspektive genau die Brücke schlägt, die uns bei SiliconStories wichtig ist", sagt Viktor Fink, Co-Founder und CEO von JOBRIVER. „Technologie verändert nicht nur Produkte und Märkte, sie verändert, wie wir kommunizieren, wie wir Informationen bewerten und wie wir als Gesellschaft zusammenhalten. Diese Fragen gehören in den Tech-Diskurs."
Das Gespräch berührt damit auch ein Thema, das für die Recruiting-Branche zunehmend relevant wird: In einer Arbeitswelt, in der KI-Tools allen Unternehmen gleichermaßen zur Verfügung stehen, wird der Unterschied nicht durch die Technologie selbst gemacht, sondern durch die Menschen, die sie nutzen. Qualifizierte Fachkräfte zu finden, die nicht nur technisch kompetent sind, sondern auch Verantwortung für den Einsatz dieser Werkzeuge übernehmen, wird zur zentralen Aufgabe.
Die vollständige Folge ist auf dem YouTube-Kanal von SiliconStories sowie auf allen gängigen Podcast-Plattformen abrufbar.